EPHESUS – Die selige Anna Katharina Emmerick

Geburtshaus von Anna Katharina Emmerick in Coesfeld-Flamschen
Geburtshaus von Anna Katharina Emmerick in Coesfeld-Flamschen

Anna Katharina Emmerich (+ 1824) und Ephesus
Ein Problem besonderer Art für Ephesus bildet die Seherin Anna Katharina Emmerich von Dülmen in Westfalen. Wir leben im Zeitalter der zur Wissenschaft werdenden Parapsychologie. Angesichts vieler nicht ableugbarer Phänomene ist es ein überholter Standpunkt, den parapsychischen Belangen schlechthin die Berechtigung abzusprechen. Der objektive Beobachter muss sich eingestehen, dass die Beschreibung, welche Anna Katharina Emmerich über die Örtlichkeit von Panaya Kapulu vor 130 Jahren visionär gab und darüber aussagte, der Wirklichkeit entspricht.

Diese Landschaft erscheint in ihren Visionen belebt. Im stillen Hochtal wohnt eine kleine Kolonie von Christen. In der Bergnische, überragt von hohen Felsen und beschattet von einem hohen Baum, ist das Haus der Maria. Johannes ist öfters zu Gaste. In dieser Einsamkeit lebt und stirbt Maria und wird sie begraben. Vor ihrem Grabe, das etwas entfernt liegt, setzen die Apostel Erdbeersträucher, die, wie Katharina Emmerich schaute, Blüten und Früchte zugleich tragen. Das Grab sei unbekannt, würde aber später einmal wieder entdeckt werden. Anna Katharina schaut die Himmelfahrt Mariens. Das Haus sei später in ein Kirchlein umgewandelt worden. Die Vision datiert vom 13. August 1822. Clemens von Brentano nahm sie zu Protokoll.

Aus Neugierde, ob die visionär geschauten Dinge mit einer lokalen Wirklichkeit übereinstimmten, machte sich P. Poulin mit einigen Freunden auf die Suche, um dies festzustellen oder ob sie lediglich der Phantasie einer kranken Klosterfrau entsprungen seien. Die Teilnehmer der Exkursion und die Mitglieder späterer Untersuchungskommissionen wurden begeisterte Anhänger der ephesischen These.

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Panaya Kapulu wird Wallfahrtsort

Im wissenschaftlichen Streit um Ephesus gewann Panaya Kapulu auch in der Folgezeit namhafte und bedeutende Verfechter. Von Smyrna aus machte man alljährlich Wallfahrten. Das Gebiet um das Kirchlein konnte käuflich erworben werden und ist seither im Besitze der Lazaristen von Izmir. Für einen türkischen Wärter und für Gäste wurden Unterkunftsräume geschaffen. Aber während der beiden Weltkriege, als die Örtlichkeit wegen ihres umfassenden Ausblickes auf Meer und Landschaft militärisch besetzt war, geriet die Liegenschaft in einen Zustand der Verwahrlosung; die Besuche hörten auf. Im Jahr 1950 kam für Ephesus der rechte Moment, um in das Blickfeld der ganzen Welt zu rücken. Die am Tourismus interessierten Kreise der Türkei besannen sich darauf, wie auch sie die wertvollen und interessanten Stätten und Sehenswürdigkeiten ihres Landes den Christen des Abendlandes zugänglich machen könnten. Das Beispiel Italiens zeigte ihnen die Möglichkeiten der touristischen Auswertung ihres christlich archäologischen Reichtums. Unter Mithilfe des türkischen Automobilclubs wurde eine Wallfahrt nach Ephesus zur Höhe von Panaya Kapulu, zu den Ruinen der Stadt und zum Johannesgrab organisiert. Diese Ephesusfahrt hinterließ ein ganz gewaltiges Echo in der ganzen Türkei. Panaya Kapulu wurde mit einem mal bekannt und berühmt und gewann neue Freunde. Die türkische Regierung entschloss sich zum Bau einer Straße, die in Verbindung mit dem westlichen und östlichen Ruinenfeld von Ephesus auf die Höhe des nunmehr in Meryem Dag umbenannten Nachtigallenberges führen sollte. Auch die Straße bekam den Namen Meryem Ane Bulvar. Es ist auffallend, wie Maria, die Mutter Jesu, bei den Moslems, insbesondere bei den Türken, in hoher Verehrung steht. Ihr Name ist mehrmals erwähnt im Koran, und sie glauben an ihre Sündlosigkeit.

Inzwischen entschloss sich auch der Erzbischof von Izmir zu einer raschen Restaurierung des Kirchleins. Ein zu diesem Zweck gegründeter, vom Staat anerkannter Verein stand ihm finanziell zur Seite. Die Einnahmen von Vorträgen und Spenden vermochten ein Drittel der Baukosten zu decken. Die Marienkapelle auf dem Berg zeigt nun ein anderes, aber der Umgebung gut angepasstes Bild. Eine alte, zerfallene Kirche im Tal musste ihre byzantinischen Mauerziegel abgeben, um dem neuen Gemäuer des Panaya-Kirchleins das altertümliche Gepräge zu verleihen. Die Fundamente blieben unangetastet. Das Mauerwerk aufwärts musste neu erstellt werden. Die Flachkuppeln werden später wohl einer ansprechenden Konstruktion Platz machen. Auch die Quelle, die unmittelbar neben dem Hause entspringt, erhielt bei der Gestaltung der nähern Umgebung eine passende Fassung. Die neue Straße wurde feierlich eingeweiht, und am 19. August 1951 unter großer Beteiligung auch das Kirchlein. Noch nie hatte diese Bergeinsamkeit von Panaya Kapulu eine solche Menge Volkes gesehen. Auch die türkischen Behörden waren da, und Radio Ankara übertrug die französisch-türkische Predigtansprache von Erzbischof Descuffi.

So fängt das Ephesus der frühchristlichen Zeit an wieder aufzuleben. Aber es wäre falsch, diesen Geschehnissen lediglich einen touristischen zu Sinn geben. Sicher hat der türkische Tourismus ein großes Interesse an Ephesus. Man wird die Touristen in Izmir nicht nur nach Pergamon, sondern auch nach Ephesus führen. Hinzu kommt die sonderbare Erscheinung, dass auch die islamische Bevölkerung – Christen gibt es un Ephesus in einem Umkreis von 70 Kilometern keine – angefangen hat, Panaya Kapulu aus religiösen Motiven aufzusuchen. Es gibt keinen Sonntag, an dem nicht Moslems hinaufpilgern zur Mutter Maria, „Meryem Ane“, um dort zu beten. Das unter den Bäumen versteckte stille Heiligtum wird zu einer Brücke der Verständigung und kultureller Anbahnung.

Und zum Einwand, dass speziell in Ephesus sich ein konfessioneller Aspekt aufdränge: Ist nicht auch gerade Ephesus ureigenster ökumenischer Boden, auf dem getrennte Geister sich finden mögen, wo man sich die Hand reichen sollte, um diese großen Zeugen des christlichen Glaubens zu ehren?