PREDIGT IM JAHRESKREIS – von Pfarrer Dr. Johannes Holdt – “Dem andern Nächster sein”

Predigt im Jahreskreis zum 15. Sonntag im Jahreskreis C

(Lk 10, 25-37)

“Dem andern Nächster sein “

von Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg

Von Sartre gibt es ein bekanntes Wort: “Die Hölle – das sind die anderen”.

Was ist damit gemeint?

Die anderen, das heißt: die Mitmenschen, die Umgebung können für den Einzelnen auf seinem Weg der Selbstverwirklichung so lästig sein und störend, dass er sie als Hölle empfindet.

Auch wenn man diese Auffassung irgendwie nachvollziehen kann: sie ist falsch.

Die Hölle: das sind nicht die anderen.

Die Hölle, das ist im Gegenteil der Einzelne – verkapselt in sich selbst, verdammt zum ewigen Mit-sich-selbst-Alleinsein, abgetrennt von Gott und dem Nächsten.

Die anderen sind nicht die Hölle. – Sie sind gewiss auch nicht der Himmel. Aber ohne die anderen – mit dem Rücken zum Nächsten wird niemand in den Himmel kommen: d.h. das Ziel des Lebens erreichen, das Reich Gottes, das Ewige Leben.

Nach eben diesem Ewigen Leben fragt der Gesetzeslehrer im heutigen Evangelium, es ist die Ausgangsfrage des Gesprächs mit Christus:

“Meister, was muss sich tun, um das Ewige Leben zu gewinnen?”(Lk 10, 25)

Diese Frage , die im Evangelium eine große Rolle, ja die entscheidende Rolle spielt , sollten auch wir uns einmal wieder neu stellen.

Denn sie wird ja heute weithin totgeschwiegen. Man tut so, als ob es das Ewige Leben gar nicht gäbe und man sich darum nicht zu kümmern brauchte und als ob es allein darum ginge, so viel wie möglich aus diesem Erdenleben herauszuholen und sich hier sozusagen ein kleines Paradies auf Erden zu schaffen.

Da ist die bittere Enttäuschung vorprogrammiert…

Das Evangelium mahnt uns demgegenüber dazu, mehr für das Ewige als für das zeitliche Leben zu sorgen. Es nennt auch klipp und klar den Weg, auf dem allein man in dieses Ewige Leben gelangt: Es ist der Weg der Liebe und zwar der Gottes – und der Nächstenliebe. So sagt es ja auch ganz richtig der Gesetzeslehrer:

“Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken – und – Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst”(Lk 10, 27).

Was für den Schriftgelehrten zunächst noch graue Theorie ist, veranschaulicht Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter:

Handle so wie der Samariter, der für den Verletzten sorgte. – Sei jedem Nächster, der deine Hilfe braucht.

Die Bestimmung des Menschen ist es, Nächster zu sein . Die anderen, die – wie zufällig – meinen Weg kreuzen oder die mir zur Seite gestellt sind, sie sind nicht irgendwelche lästigen Störenfriede, sondern die mir gestellte Lebensaufgabe.

“Bin ich denn der Hüter meines Bruders?”(Gen 4, 9) So begehrt Kain gegen Gott auf , als der ihn nach seinem Bruder Abel fragt. Hier im Evangelium wird die Antwort gegeben:

>Ja , du bist der Hüter deines Bruders! – Wer immer es ist, der in deinem Leben auftaucht und der deine Hilfe und Sorge und Barmherzigkeit braucht.<
Es ist das ein Grundthema des Evangeliums. Immer wieder schärft es Jesus uns ein:

Ihr könnt nicht selig werden mit dem Rücken gegen die anderen.

“Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen, ich war krank, und ihr habt mich besucht, ich war gefangen, hungrig, durstig, nackt….und ihr wart für mich da” – das sind die Worte, die den Gerichtsspruch Jesu am Jüngsten Tag einleiten (Mt 25,31 – 46).

Immer war da einer allein, und ein anderer kam in sein Leben und war für ihn da.

Liebe lässt den anderen nicht allein, sondern hält bei ihm aus.

Das ist die Lehre des Evangeliums.

Wichtig ist, das einmal wirklich verstanden zu haben. Noch wichtiger, danach zu leben.

“Geh und handle so! (Lk 10, 37)

Diese Aufforderung Jesu gilt uns.

Schauen wir uns einmal um in unserem Lebenskreis, und nehmen wir die mit neuen Augen wahr, die uns von Gott gegeben sind, damit wir ihnen Nächster sein können.

Amen.

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, 72355 Schömberg, Caspar-Oeschle-Platz 1:

“Wenn Sie inhaltliche Fragen zu meinen Predigten haben,
Ihre Meinung dazu sagen möchten oder einen seelsorgerlichen Kontakt wünschen,
freue ich mich über Ihre Zuschrift:
johannes.holdt@online.de

PREDIGT IM JAHRESKREIS – von Pfarrer Dr. Johannes Holdt – “Maria und Martha”

Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis C

(Lk 10, 38-42)

“Maria und Martha

von Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg

Das Evangelium von Maria und Marta gehört zu den provozierenden Stellen in der Schrift. – Es gibt nicht wenige Menschen, die Schwierigkeiten mit diesem Evangelium haben.

Da sind die beiden Schwestern: Maria und Marta.

Marta macht sich viel zu schaffen, sie ist “ganz in Anspruch genommen”, für Jesus zu sorgen (Lk 10, 40).

Und Jesus? Er scheint das gar nicht anzuerkennen. Statt dessen lobt er die untätige Maria, die nichts anderes tut, als bei ihm zu sitzen und ihm zuzuhören.

Ist das nicht ungerecht?

Um etwas vom Sinn dieses Evangeliums zu verstehen und zu begreifen, dass es sich hier um keine ärgerliche Botschaft handelt, sondern im Gegenteil um eine befreiende und heilsame, ist vielleicht ein Denkspiel hilfreich.

Wäre unser Evangelium eigentlich sympathischer, wenn es so lautete:

“Marta beschwerte sich bei Jesus: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!

Da wandte sich der Herr an Maria und sprach:
Maria, Maria: wenn du dir nicht genauso viel Mühe gibst wie deine Schwester, wirst du nur schwerlich den ewigen Lohn erhalten.”

Liebe Gläubige, ich habe nicht das Gefühl, dass diese Version erfreulicher für uns wäre. Im Gegenteil: Sie würde uns einen ungeheuren Leistungsdruck aufbürden, einen Druck, der da hieße:

“Nur wer arbeitet und sorgt und sich müht und Leistung bringt ohne Rast und Ruh, verdient sich Gottes Liebe und Gnade”.

Gott sei Dank: So lautet die Botschaft des Evangeliums nicht.

Christentum heißt nicht zuerst: wir haben viel zu sorgen; sondern: Christus sorgt für uns.

Marta macht sich viele Sorgen und Mühen. Sie wird – wie es wörtlich heißt – “hin und hergezogen bei vielem Tischdienst”.

Maria aber lässt sich von Jesus versorgen. – “Sie setzte sich zu seinen Füßen und hörte seinen Worten zu” (Lk 10, 39) – sie genießt die Nähe des Herrn, freut sich an seinem Wort und seiner Gegenwart.

Jesus lobt sie dafür: Du weißt, worauf es ankommt, du weißt, was dich glücklich und selig macht.

Die meisten Menschen würden wahrscheinlich eher Marta loben. Denn wir sind es gewohnt nach den Gesetzen unserer Leistungsgesellschaft zu denken:

Hast du was, dann bist du was. Schaffst du was, dann giltst du was. Nur wer etwas leistet, sich nützlich macht, hat eine Daseinsberechtigung.

Im diametralen Gegensatz dazu verkündet die Bibel, besonders der Apostel Paulus:

“Der Mensch wird nicht durch Werke des Gesetzes gerecht, sondern durch den Glauben” (d.h. die Verbindung mit Gott) (Gal 2, 16).

Jedem Menschen geht es um Anerkennung, Bestätigung, Prestige, Ehre.

Für den Glaubenden gilt: Er muss sich seine Anerkennung, seine Daseinsberechtigung, sein Ansehen nicht durch Leistungen verdienen.

Das alles hat er dadurch, dass er Kind Gottes und Jünger Jesu Christi sein darf.

Ist das nicht wirklich eine befreiende und frohmachende Botschaft?

Es ist freilich auch eine Haltung, die immer wieder neu eingeübt werden muss. Wir sind gerade heute in der Gefahr, das eine Notwendige zu vergessen; den besseren Teil, der uns von Gott angeboten ist, geradezu zu verschmähen.
Christus will, dass wir – wie Maria – gleichsam zu seinen Füßen Platz nehmen, dass wir auf ihn schauen und ihn hören:

“Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und mir öffnet bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir”(Apk 3, 20).

So hat es Maria gemacht. Sie hat Jesus nicht nur die äußere Tür geöffnet, sondern die Tür ihres Inneren. Sie hat sich Zeit genommen für den Herrn, hat ihm all ihre Aufmerksamkeit geschenkt und jedes Wort aus seinem Mund aufgesogen.

Das ist das eine Notwendige. Darauf kommt es an. – Die mit Christus und Gott gemeinsam verbrachte Zeit. Sie allein gibt den vielen irdischen Diensten und Aufgaben in unserem Leben Sinn und Zusammenhang und Bedeutung.

Das müssen wir immer wieder neu lernen. Als einzelne Christen – wie auch als Kirche im Ganzen.

Für den Einzelnen gilt: Die Zeit, die wir mit Gott und göttlichen Dingen verbringen, sie muss uns wichtig sein – die Zeit des täglichen Gebetes, die Zeit des sonntäglichen Gottesdienstes.

Sonderbarerweise haben gerade dafür so viele Menschen keine Zeit mehr. Sie haben keine Zeit für Gott, von dem sie all ihre Zeit haben…

Sogar der Sonntag, der eine Tag des Herrn in der Woche, gerät mehr und mehr in die Mühlen der pausenlosen Betriebsamkeit.

Ist der Mensch wirklich nur noch Konsument und Produzent, ein Rädchen in der großen Maschinerie, das so lange rotiert und funktioniert, bis es einmal ausgewechselt wird?

Der Glaube sagt: Lass dich nicht dazu machen! Du bist Kind und Ebenbild Gottes. – Das ist deine einzigartige Würde und Bestimmung.

Darum darf kein Tag vergehen, an dem wir nicht zu Gott aufgeschaut und bei ihm im Gebet Atem geholt haben. – Und es darf keine Woche vergehen, in der wir nicht die Gemeinschaft mit Christus gesucht , sein Wort gehört und seine Liebe im Sakrament empfangen haben.

Mehr Maria als Marta sein.

Das gilt auch für die Kirche im Ganzen. Auch hier ist man manchmal in Gefahr, in oberflächlicher Betriebsamkeit aufzugehen und das eine Notwendige – Gott und Jesus Christus – ganz aus den Augen zu verlieren.

Ich denke an eine Erstkommunionfeier, die ich einmal miterlebt habe.

Die Kommunionkinder waren mit Schnellheftern bewaffnet, aus denen sie von Beginn der Messe bis zum Schluss pausenlos Texte vorzulesen hatten . Ein einziges Hin und Her zum Mikrofon und wieder zurück, die Mädchen stolperten über die Kleider….

Nicht nur, dass die Gemeinde Dreiviertel des Vorgelesenen überhaupt nicht verstand.

Mir taten die Kinder leid, denn das Eigentliche, der Höhepunkt ihres großen Tages, die erste Begegnung mit Jesus im Sakrament, ging nach all dem Trubel sang- und klanglos unter.

Kaum waren sie in der Bank, mussten sie schon wieder nach den Papieren kramen.

Konnte hier das eine Notwendige geschehen?

Oder war die Erstkommunion nicht eher ein Vorlesewettbewerb?

Liebe Gläubige, bekommen wir ein Gespür für das, was wirklich zählt, worum es eigentlich gehen sollte im kirchlichen Leben, besonders im Gottesdienst.

“Nur eines ist notwendig” (Lk 10, 42). – Nur einer ist notwendig : Jesus Christus. Er muss im Zentrum stehen.

Nicht was wir tun und aufführen, zählt, sondern was der Herr uns zu geben hat in seinem Wort und Sakrament.

Wenn wir auf ihn schauen, sind wir im Licht. Dann haben wir den besseren Teil gewählt. Der soll uns nicht genommen werden.

Amen.

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, 72355 Schömberg, Caspar-Oeschle-Platz 1:

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PREDIGT IM JAHRESKREIS – von Pfarrer Dr. Johannes Holdt – “Das Vaterunser”

PREDIGTEN IM JAHRESKREIS

“Das Vaterunser”

Predigt zum 17. Sonntag im Jahreskreis C

(Lk 11, 1-13)

von Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg

Es gibt kein Gebet, das bekannter und uns vertrauter ist als das Vaterunser – es ist ja das Grundgebet aller Christen, – Und doch: Obwohl es uns so selbstverständlich und altbekannt ist, ist es zugleich das außergewöhnlichste und kostbarste und stärkste Gebet, das wir haben. Warum? Weil Christus selbst uns dieses Gebet in den Mund und ans Herz legt. Es atmet ganz den Geist des Herrn.

Im Lukasevangelium lesen wir, dass die Jünger Probleme mit dem Beten hatten. Daraufhin bringt Jesus ihnen – und damit auch uns – das Vaterunser bei (Lukas 11,1-4). Auch der Evangelist Matthäus überliefert das Vaterunser (mit kleinen Unterschieden zu Lukas: Matth 6, 7-15).

Nichts geht über das Vaterunser. – Das haben immer wieder gerade auch große Beter, Menschen, die eine besondere Gebetsgnade und -gabe haben, bestätigt.

Zum Beispiel der heilige Johannes vom Kreuz, der selbst Mystiker war, den Weg der mystischen, übernatürlichen Vereinigung mit Gott kannte, der sagt folgendes: “Als die Jünger Jesus baten, er möge sie das Beten lehren, hätte er ihnen sicher alles dazu Notwendige gesagt. Er lehrte sie aber nur die sieben Bitten des Vaterunsers:
In ihnen sind alle unsere geistlichen und zeitlichen Bedürfnisse eingeschlossen“.

Ein anderes Zeugnis stammt von Alfred Delp:, dem Jesuitenpater, der im Widerstand gegen das Dritte Reich war und 1945 hingerichtet wurde.

In seinen Aufzeichnungen aus der Todeszelle kann man lesen: Wenn es aufs Letzte zugeht und wirklich hart auf hart kommt, dann hilft einem alle gelehrte Theologie und alle Spiritualität nichts mehr. Dann bleibt nur noch das Vaterunser und bewährt sich als die eiserne Ration des Glaubens.

Und noch ein Beispiel möchte ich nennen. Es stammt von der russischen Schriftstellerin Tatjana Goritschewa. Sie hatte, noch während der Jahre des Sowjetregimes, ein übernatürliches Bekehrungserlebnis. Sie, die bis dahin überzeugte Atheistin war, findet in einem Yoga-Buch unter anderen Texten das Vaterunser – das ihr ganz unbekannt war – spricht es mehrmals und wird mit einemmal im Innersten ergriffen und verwandelt. Sie schreibt darüber Folgendes: “Man muß wissen, dass ich bis zu diesem Augenblick noch nie ein Gebet gesprochen hatte und auch kein einziges Gebet kannte. Aber da wurde in einem Yoga-Buch ein christliches Gebet, und zwar das “Vaterunser” als Übung vorgeschlagen. Ausgerechnet das Gebet, das unser Herr selbst betete. Ich begann es als Mantra vor mich hinzusagen, ausdruckslos und automatisch. Ich sprach es so etwa sechsmal, und dann wurde ich plötzlich vollständig umgekrempelt. Ich begriff – nicht etwa mit meinem lächerlichen Verstand, sondern mit meinem ganzen Wesen, dass Er existiert. Er, der lebendige, persönliche Gott, der mich und alle Kreatur liebt, der die Welt geschaffen hat. In diesem Augenblick veränderte sich alles in mir. Der alte Mensch starb. Mein eigentliches Leben begann“.

Das Gebet des Herrn: es ist kostbar, es ist – mit einem schönen Wort Papst Benedikts XVI. – “das ABC des Betens”. Wir tun gut daran, es zu pflegen, ja es lieb zu gewinnen – und immer mehr auszuloten und auszuschöpfen. Wir könnten uns dabei von der Frage leiten lassen: Welche Bitte ist im besonderen meine Bitte, welche Bitte ist mir die Wichtigste und ist mir aus dem Herzen gesprochen?

Sieben Bitten umfaßt das Vaterunser: Zuerst die drei „Du-Bitten“, in denen es um Gott und sein Reich geht, und dann die vier “Wir-Bitten”, in denen unsere leiblichen und geistlichen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.

So bildet das Vaterunser eine Kreuzform. Es hat die Vertikale, den Längsbalken, der uns nach oben ausrichtet und die Horizontale, den Querbalken: unsere irdische Existenz in der Verwiesenheit auf unsere Mitmenschen. Diese Kreuzförmigkeit – Gottesachse und Weltachse – ist wesentliches Merkmal des christlichen Glaubens. Wir finden diese Struktur auch bei den Zehn Geboten oder beim Doppelgebot der Liebe. Immer aber gilt: Der Längsbalken ist der tragende Balken. Ohne die Verbindung mit Gott hängt die Verbindung zu den Mitmenschen in der Luft und trägt nicht.

Und so sehen wir, dass eine Gesellschaft, die zuerst in großen Teilen den Glauben über Bord geworfen, die Verbindung zu Gott gekappt hat, in der Folge auch menschlich-moralisch und jetzt auch wirtschaftlich-materiell Bankrott macht…

Zurück zur Ausgangsfrage: Welche Vaterunserbitte ist im besonderen die meine?

Meiner Erfahrung nach wechselt das im Laufe der Jahre.
Da ist die Bitte:
Unser tägliches Brot gib uns heute. Mit dem täglichen Brot ist alles gemeint, was wir zum Leben brauchen.

Jesus setzt also voraus, dass wir alles, was wir zum Leben brauchen, von Gott bekommen. Jeden Tag leben wir von der Vatergüte Gottes, der uns alles Nötige zukommen lässt. Wie er für die Vögel des Himmels sorgt und für die Lilien auf dem Feld, so auch für uns, seine Kinder (Mt 6,25-34). Wer meint, er habe im Grunde alles sich selbst und seiner Arbeit zu verdanken, der wird beim Beten des Vaterunsers eines Besseren belehrt…

In der theologischen Tradition wird unter dem täglichen Brot oft auch das Eucharistische Brot verstanden. Dann müsste man die Brotbitte so verstehen: “Gib, dass es uns niemals am Brot des Lebens fehlt”. Tatsächlich bitten die Menschen Jesus so im Johannesevangelium, als er ihnen das Geheimnis der Eucharistie verkündet: “Herr, gib uns immer dieses Brot!”(Joh 6,34).
Möglicherweise erkennen wir gerade heute, da die Zukunft der Kirche in unseren Breiten so gefährdet ist, die Dringlichkeit der Bitte um das “wahre Brot vom Himmel, das der Welt das Leben gibt” (Joh 6, 33).

Vergib uns unsere Schuld. – Wie heilsam, dass wir bei jedem Vaterunser daran erinnert werden, dass wir sündige Menschen sind. Das verdrängen wir doch so gern. Wörtlich heißt es: “Erlass uns unsere Schulden”. – Schuld ist das, was wir schuldig geblieben sind; die Liebe, die wir Gott und den Menschen schuldig geblieben sind. Unsere eigentliche Schuld liegt darin, dass wir so weit hinter den Erwartungen Gottes zurückbleiben. Wer das eingesehen hat, tut sich leichter, seinerseits denen zu vergeben, die ihm manches schuldig geblieben sind.

Führe uns nicht in Versuchung. Was hat uns diese Bitte zu sagen? Das Evangelium berichtet, wie Jesus selbst zu Beginn seines öffentlichen Wirkens versucht wurde (Matth 4,1-11). Der Versucher (Satan) will ihn von seiner Mission abbringen und Gott, seinem Vater, entfremden. Veruchung meint in der Bibel die tiefste und eigentliche Gefährdung des Menschen: die Abkehr von Gott und seinem Willen. „Führe uns nicht in Versuchung“ heißt somit: Bewahre uns vor dem Glaubensabfall; lass uns niemals von dir getrennt werden! Lass uns nicht irre werden an unserer Berufung!

Sondern erlöse uns von dem Bösen: Befreie die ganze Welt von den versucherischen, gottfeindlichen Mächten.

Dein Wille geschehe. Das ist in einem Wort zusammengefaßt das Lebensprogramm des Glaubens. Gottes Willen, Gottes Verfügung annehmen; die Situation, in die er mich gestellt hat, in gläubigem Gehorsam. So wie es Jesus selbst in seiner schwersten Stunde am Ölberg getan hat: „Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Matth 26,39-44). Aus dieser Hingabe des Sohnes hat der Vater die Erlösung für viele gewirkt. – Wenn wir Gottes Willen annehmen, auch wenn wir ihn nicht verstehen, wird es zum Heil für uns und für andere werden.

Dein Reich komme: Welchen Horizont öffnet diese Bitte! Das Reich Gottes ist unsere Hoffnung. Da geht es nicht nur um mein eigenes Seelenheil, sondern die Erlösung der ganzen Welt. – Die neue Welt Gottes – die erwarten wir. “Das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens” (Präfation vom Christkönigssonntag).

Nun gehört zum Geheimnis des Reiches Gottes, dass es nicht nur am Ende der Zeit kommt, sondern heute schon verborgen da ist, wo Menschen aus dem Glauben leben. “Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch”, sagt Jesus (Lk 17,21). Wir erkennen es nur nicht, weil es unscheinbar ist wie ein Senfkorn (Mt 13,33). Wo immer aber “Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist” herrschen, da ist die Herrschaft Gottes schon angebrochen (Röm 14,17). Auch in jeder Eucharistiefeier dürfen wir schon einen Vorgeschmack auf das Mahl im Reich Gottes erleben und die Gegenwart des Herrn erfahren – wie die Jünger nach der Auferstehung Jesu (Mt 26,29; Lk 24,13-35).

“Dein Reich komme” bedeutet also auch: Lass uns dein Reich erkennen in unserem Leben und im Leben der Kirche und lass dieses Reich wachsen und aufblühen.

Geheiligt werde dein Name. Das ist die erste Bitte im Vaterunser. Für Jesus scheint es sich hier um das Erstwichtige zu handeln. Gottes Name soll groß werden in der Welt, soll verherrlicht werden – auch durch uns. Gottes Name soll uns heilig sein. Wir sollen Gott unserem Vater, die Ehre geben, die ihm gebührt. Durch unser Beten, durch unseren Gottesdienst. Und durch unser Leben. Wir sollen so leben, dass wir dem heiligen Gott gefallen und seinem Namen Ehre machen.

Über allen Bitten steht die Anrede: Vater. – Unser Vater im Himmel!

Das ist die Seele des ganzen Gebets. Gott ist kein unpersönliches Schicksal, keine anonyme Macht. Gott ist derjenige, der jeden von uns kennt – besser, als wir uns selbst kennen; der uns sieht und hört; der uns liebt und aus Liebe ins Dasein gerufen hat. Wir verdanken uns nicht dem Zufall, sondern der Liebe Gottes – und das in jedem Augenblick unserer Existenz.

In sicherem Vertrauen dürfen wir darum zu Gott aufschauen und ihm unsere Bitten vortragen. Wir sind ja seine Kinder (1 Joh 3,1).

In der frühen Christenheit war es üblich, das Vaterunser dreimal am Tag zu beten, morgens, mittags und abends. Der ganze Tag sollte vom Gebet des Herrn umfangen sein. Das war eine gute Idee. – Eine, die es wert wäre, heute neu aufgegriffen zu werden.. Wir wissen, dass es heute viele gibt, die “Christen” heißen, und trotzdem das Vaterunser nur noch selten, vielleicht gar nie mehr beten. – Das ist schlimm. Wie wäre es, wenn wir daraus einen Auftrag für uns ableiten würden? Dass wir das Vaterunser nicht nur für uns persönlich, sondern auch stellvertretend für andere beten? Nicht umsonst ist dieses Gebet nicht in der Einzahl, sondern in der Mehrzahl formuliert, nicht in der Ich-Form, sondern in der Wir-Form.

Es reiht uns ein in die große Gemeinschaft aller Glaubenden, aller Kinder Gottes. So können wir es auch bewußt für andere beten. Wir können für die anderen vor Gott hintreten und dazu beitragen, dass Gottes Name geheiligt wird in unserer Welt.

Amen!

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, 72355 Schömberg, Caspar-Oeschle-Platz 1:

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johannes.holdt@online.de

PREDIGT IM JAHRESKREIS – von Pfarrer Dr. Johannes Holdt – “Was kommt nach dem Tod?”

PREDIGT IM JAHRESKREIS:

32. Sonntag (C)

LK 17,27-38

“Was kommt nach dem Tod?

von Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg

Liebe Gläubige,

Sie kennen die IWZ, “Illustrierte Wochenzeitung”, die Fernsehprogrammbeilage zur Tageszeitung. In dieser IWZ gibt es in jeder Ausgabe eine “Miniumfrage” . Vor einiger Zeit lautete das Thema, nach dem gefragt wurde:

“Was kommt nach dem Tod?”

9 Personen wurden dazu befragt. Einige der Antworten moechte ich Ihnen gern vorlesen:

Kaufmann: “Wenn der Sargdeckel zugeht, ist es aus, mausetot und fertig. Alles andere ist Quatsch.”

Schülerin: “Ich habe mich noch nie damit beschäftigt, was da nach meinem Tod noch alles auf mich zukommen sollte.”

Student: “Wenn ich sterbe, bin ich als Person völlig weg von der Platte. Vielleicht werden meine innersten Werte und Ideen irgendwie und irgendwann in einer anderen Person auftauchen. Doch das hat mit meiner Person nichts zu tun.”

Bankangestellte: “Ich habe schon von vielen Seiten über Seelenwanderung gehört und will mich einmal gründlich damit beschäftigen.”

Schauspielschüler: “Durch eine Hypnose habe ich erfahren, daß ich bereits dreimal vor meinem jetzigen Leben existiert habe.”

Traurig ist:

=> Von keinem einzigen der 9 Befragten war die Antwort des christlichen Glaubens zu hören, die wir in jedem Credo bekennen:

“Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben.”

Ein Symptom dafür, wie weit die Entchristlichung unserer Gesellschaft fortgeschritten ist.

Nun muß man unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch nach außen hin ohne langes Nachdenken sagt, und dem, was er im tiefsten Inneren fühlt.

Thomas von Aquin sagt, die Sehnsucht nach dem Ewigen Leben sei dem Menschen angeboren. Irgend etwas im Menschen kann sich mit dem Tod nicht abfinden – damit, daß alles, was dem Menschen wichtig war, was er gedacht, getan, geliebt hat: daß das plötzlich ins Nichts zerfallen soll. Denn dann wäre alles umsonst und sinnlos. So gibt es in jedem Menschen eine geheime Auflehnung gegen den Tod und den Hunger nach dem Ewigen Leben – nur daß viele, allzuviele heute dieses Gefühl verdrängen oder auch: es betäuben, durch Arbeit und Freizeitspaß, durch pausenlose Aktivität sich davon abzulenken versuchen.

=> Die ganze riesenhafte Konsum- und Freizeitkultur der Moderne – kann einem vorkommen wie ein gigantisches Ablenkungsmaneuver, durch das die Menschen abgehalten werden, von den existentiellen Fragen und sich im Oberflächlichen verlieren.

Diese Taktik kannten schon die alten Römer: Sie nannten es “panem et circenses” – “Brot und Spiele”, nach dem Motto: Gib dem Volk genügend Geld und Spaß, dann wird schon nicht zum Nachdenken kommen.

Dazu kommt noch ein weiteres Problem:
Wenn einer sich der Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes stellt, dann sieht er sich heute mit einem Wirrwarr von Antworten konfrontiert, einer Fülle von Möglichkeiten. Unsere Welt gleicht auch im Geistigen einem Supermarkt, und allzu viele greifen sich wahllos mindere Ware heraus. Und wenn eine Shirley McLaine behauptet, schon einmal auf Erden als Indianerhäuptling gelebt zu haben, dann übernehmen viele begeistert die Vorstellung von einer sogenannten Reinkarnation, d.h. also: wiederholter Erdenleben.

Nur, daß sie den Gedanken nicht zu Ende denken, der bedeutet: Dieses bruchstückhafte, unbefriedigende Leben wird sich immer wieder wiederholen. Du mußt immer wieder von vorne anfangen, Du kommst hier nie heraus – DAS soll tröstlich sein? Das ist eine Horrorvision.

Als Christen wird uns gesagt:
Haltet euch an das, was Jesus Christus sagt: Er ist die Wahrheit: Er ist vom Vater gesandt worden, um Licht ins Dunkel unserer Fragen zu bringen und uns den Weg zum ewigen Leben zu zeigen. Und so sagt er uns auf die Frage: Was kommt nach dem Tode? im heutigen Evangelium ein Dreifaches, das ich jetzt nur in aller Kürze skizzieren will:

1. “Gott ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Für ihn sind alle lebendig.”

=>Es gibt im Grunde gar keine Toten!
Die ihr für tot haltet, sond in Wirklichkeit lebendig. Sie leben bei Gott. Es gibt nicht nur das Leben in dieser Welt, es gibt auch ein anderes Leben in der Welt Gottes, im Reich Gottes. Da leben Abraham, Issak und Jakob in Ewigkeit. und alle anderen, die durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind. (Gerade das leugneten die Sadduzäer: für sie gab es keine unsichtbare Welt, sondern nur das Sichtbare. Sie waren in heutiger Begrifflichkeit Materialisten.)

2. Das ewige Leben ist nicht einfach eine unendliche Verlängerung des irdischen Lebens, sondern es wird ganz anders sein als hier: “Man wird dort nicht mehr heiraten, sondern den Engeln gleich sein.” Unser Leben wird sich verwandeln, und das muß ja auch so sein: denn so, wie wir jetzt sind und leben, könnten wir es nicht in Ewigkeit aushalten. Darum brauchen wir auch keine Angst zu haben, daß es uns im Himmel langweilig werden könnte! Es gilt hier vielmehr das Wort des Paulus: “Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen je in den Sinn gekommen ist: das hat Gott denen Großes bereitet, die ihn lieben.”

3. Ein letzter Aspekt:
Christus spricht von “denjenigen, die Gott für würdig hält an jener Welt”. Es gibt Voraussetzungen für das Leben in der himmlischen Welt. Wir müssen für das Reich Gottes geeignet sein, reif sein. Man muß ein “hochzeitliches Gewand” haben, um am himmlischen Hochzeitsmahl teilnehmen zu können. Das ist die ernste Seite der christlichen Hoffnung. Christentum ist keine billige Vertröstungsbotschaft, im Gegenteil: Der Christ nimmt sein irdisches Leben sehr ernst. Er weiß um seine Verantwortung. Er weiß, daß er den richtigen Weg wählen und gehen muß, um am großen Ziel anzukommen. Er weiß, daß es einmal eine Bestandsaufnahme geben wird – die Bibel sagt: ein “Gericht”, bei der das Buch unseres Lebens aufgeschlagen wird und dann zeigt sich, wer wir in Wahrheit sind.

Wir dürfen allerdings hoffen, daß dann bei diesem Gericht Gnade vor Recht ergeht, daß wir dann einen barmherzigen Richter haben in Jesus Christus – der uns nicht aufgrund unserer Verdienste, sondern aus Liebe aufnimmt in sein ewiges Reich.
Amen!

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, 72355 Schömberg, Caspar-Oeschle-Platz 1:

“Wenn Sie inhaltliche Fragen zu meinen Predigten haben,
Ihre Meinung dazu sagen möchten oder einen seelsorgerlichen Kontakt wünschen,
freue ich mich über Ihre Zuschrift:
johannes.holdt@online.de